Multicopter – Wo darf ich fliegen?

Wenn Sie sich im Strassenverkehr bewegen, egal ob mit einem Auto, Fahrrad oder in irgendeiner anderen Form, sind Sie Strassenverkehrsteilnehmer und müssen die Gesetze für den Strassenverkehr befolgen. Bewegen Sie sich mit einem Modellfluggerät in der Luft, sind Sie Luftverkehrsteilnehmer und haben die Gesetze für den Luftverkehr zu befolgen. Sie würden sicher nicht auf die Idee kommen, mit einem ferngsteuerten Modellauto auf der Autobahn oder anderen öffentlichen Straßen zu fahren. Genauso sollten Sie mit einem Multicopter nicht da fliegen, wo es in der Luft solchen Verkehr gibt.

In Deutschland ist der Flugverkehr, ähnlich wie auch der Strassenverkehr, gesetzlich geregelt. Zwar gibt es keine betonierten Straßen und Schilder in der Luft, trotzdem gibt es sehr wohl eine räumliche Strukturierung des Luftraums, die sogenannten Luftraumklassen.

Luftraumstruktur

Die Luftraumklassen unterteilen sich in die Klassen A-E und F-G. Außerdem gibt es einige Sondergebiete, die im Wesentlichen der Sicherheit militärischer oder technischer Anlagen oder der Sicherheit bei Ereignissen mit Menschenmassen dienen.

Die Luftraumklassen A-E sind sogenannter kontrollierter Luftraum. Für diese muss vor jedem Einflug eine Flugverkehrskontrollfreigabe beantragt werden. Eine solche Freigabe muss vor dem Einflug in einen Luftraum bei der Flugsicherung beantragt werden. Die Luftraumklassen A und B gibt es aktuell in Deutschland nicht. Die ehemalige Klasse F ist im Dezember 2014 im Zuge der europäischen Standardisierung der Lufträume durch die Radio-Mandatory-Zone (RMZ) abgelöst worden. Radio-Mandatory bedeutet, das eine Funkanlage verpflichtend ist. Vor dem Einflug in eine RMZ muss über Funk eine Meldung an die Flugsicherung erfolgen. Eine ähnliche Zone, die Transponder-Mandatory-Zone (TMZ), gab es bereits vorher. In dieser ist ein Transponder vorgeschrieben, der eine eindeutige Kennung des Luftfahrzeugs sendet. Eine beispielhafte Darstellung der Luftraumstruktur ist in der folgenden Abbildung skizziert.

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Abb. 1: Luftraumstruktur in Deutschland (mit freundlicher Genehmigung der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH, nicht für navigatorische Zwecke geeignet)

Mit einem unbemannten Modellfluggerät kann aufgrund verschiedener Regelungen nicht in kontrolliertem Luftraum geflogen werden. Nur Luftraumklasse G kann für den Modellflug genutzt werden. Aber auch das nicht uneingeschränkt, denn auch in Luftraum G findet bemannte Luftfahrt statt. Bei bemannten Luftfahrzeugen wird zwischen Sichtflug (VFR: Visual Flight Rules) und Instrumentenflug (IFR: Instrument Flight Rules) unterschieden. In Luftraum G ist nur der Sichtflug erlaubt. Luftraum G ist nach oben mit maximal 2500 Fuss (762 m) begrenzt und stellt damit die theoretische maximale Flughöhe für Modellflugzeuge dar. Luftraum G kann aber auch auf 1700 Fuss (518,16 m) und 1000 Fuss (304,8 m) abgesenkt sein. Das bedeutet aber nicht, dass die Obergrenze von Luftraum G für den Modellflug erlaubt ist. Vielmehr gilt es, bestimmte Regelungen zu befolgen, die auch den Luftraum G für den Modellflug noch deutlich weiter einschränken.

ICAO-Karten

Zunächst einmal muss ein Modellflieger sicherstellen, dass er in Luftraum G fliegt. Da es in der Luft keine sichtbaren Anhaltspunkte gibt, muss es Möglichkeiten geben, das Piloten die Luftraumstruktur erkennen können. Diese gibt es in Form der ICAO-Karten. ICAO ist die Abkürzung für International Civil Aviation Organization (dt. Internationale Zivilluftfahrtorganisation), die unter anderem die Aufgabe hat, Standards und Regelungen für internationale Luftfahrt zu entwerfen. Neben markanten Punkten, an denen sich Piloten bei Sicht auf Grund orientieren können, verzeichnen diese Karten die Luftraumklassen mit Höheninformationen und Funkfrequenzen.

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Abb. 2: ICAO-Karte für den Bereich Dortmund (mit freundlicher Genehmigung der DFS Deutsche Flugsicherung GmbH, nicht für navigatorische Zwecke geeignet)

In dem Kartenausschnitt in Abbildung 2 sind die Luftraumklassen gut zu erkennen. Diese werden immer mit der Unter- und Obergrenze angegeben. Etwa unten in der Mitte ist links neben Lüdenscheid ein Luftraum C mit der Untergrenze Flightlevel 85 und der Obergrenze Flightlevel 100 definiert. Flightlevel ist eine variabe Höhenangabe, die sich auf den theoretischen Luftdruck in der entsprechenden Höhe bezieht. Die Werte sind in 100 Fuss angegeben. FL 100 bedeutet also die Höhe, in der ein Luftdruck von 10000 Fuss gemessen wird. Unterhalb von Duisburg gibt es ebenfalls einen Luftraum C, der oben mit FL 100 unten aber mit 1500 Fuss (457,2 m) über mittlerem Meeresspiegel begrenzt ist. Befindet sich hinter der Fuss-Angabe ein AGL, bedeutet dies über Grund (engl. above ground level).

Für die kontrollierten Luftraumklassen ist also erst einmal deren Untergrenze wichtig, da der Modellflieger nicht in diese hineinfliegen darf. Interessant ist hier zum Beispiel der D(HX) Luftraum rechts oberhalb von Dortmund, der sich fast über das gesamte Stattgebiet von Dortmund erstreckt (rosa Bereich) und bereits am Boden (GND: engl. ground) beginnt. Damit ist für diesen Bereich der Modellflug nur mit einer Flugverkehrskontrollfreigabe erlaubt. Die Kennung HX besagt, dass der Luftraum nicht immer aktiv ist. Der aktuelle Zustand kann über die FLugsicherung abgefragt werden. Wird dieser nicht abgefragt, ist der Luftraum automatisch als aktiv zu verstehen. Da D(HX) hier auf dem Boden beginnt, bedeutet dies auch, dass Sie innerhalb dieses Bereichs mit einem Modellflieger nicht einmal im eigenen Garten aufsteigen dürfen, wenn Sie keine Flugverkehrskontrollfreigabe besitzen.

Um diesen D(HX) Luftraum gibt es einen Luftraum D, der bei 2500 Fuss (762 m) als Untergrenze beginnt. Der ist an einem etwas breiteren, blauen Streifen als Umgrenzung zu erkennen.  Der ganze Bereich ist noch einmal in Luftraum E (FL 100, 1000 AGL) mit der Kennzeichnung rechts unterhalb von Dortmund eingebettet. Das bedeutet, dass um den Luftraum D(HX) herum der Luftraum G effektiv bei 1000 Fuss (304,8 m) beginnt. In diesem Bereich ist prinzipiell der Modellflug möglich, sofern es nicht weitere Einschränkungen gibt.

Interessant ist beispielsweise auch der rot schraffierte Bereich oben rechts von Haltern. Dieser ist mit ED-R gekennzeichnet. Das R steht für Restricted. Hierbei handelt es sich um ein Flugbeschränkungsgebiet. Dieser Bereich beginnt am Boden und reicht bis in 5500 Fuss. Hier dürfen Sie nicht fliegen. Neben ED-R gibt es beispielsweise noch ED-D. Das D steht in diesem Fall für Danger und bezeichnet ein Gefahrengebiet. Das Kennzeichen ED kennzeichnet die Region (E=ICAO-Region Nordeuropa, D=Deutschland) und wird beispielsweise auch für die Kennzeichnung von Flugplätzen verwendet.

Neben den Luftraumklassen finden Sie in den ICAO-Karten auch Informationen zu Flugplätzen. Auch das ist sehr wichtig, denn im Umkreis von 1500 m um einen Flugplatz dürfen Sie nicht ohne eine Aufstiegserlaubnis fliegen. Viele Flugplätze sind durch einen blauen Kreis gekennzeichnet, der durch weitere Kennzeichnungen ergänzt wird, die beispielsweise Art des Flughafens oder die Ausrichtung der Landebahnen angeben. Aber auch Startplätze für Ballone und Falschirmsprungzonen und Hubschrauberlandeplätze sind in den Karten vermerkt.

Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie viele Flugplätze allein in diesem Kartenausschnitt. Zum Beispiel rechts oberhalb von Lünen mit der Bezeichnung EDKW WERDOHL-KÜNTROP. Die Angabe 1037 AMSL bedeutet, dass der Flugplatz 1037 Fuss über dem mittleren Meeresspiegel liegt. Die Angabe 118.000 ist die Funkfrequenz, über die der Flugplatz zu erreichen ist, und die 650 m geben die Länge der Landebahn an.

Weitere Regelungen

Also fliegen Sie nur in Luftraum G und alles ist gut? Das ist leider nicht der Fall. Sie teilen sich Luftraum G mit anderen Luftverkehrsteilnehmern, die im Sichtflug fliegen. Für den Sichtflug gelten bestimmte Voraussetzungen bezgüglich der Abstände zu Wolken, eine freie Sicht auf Grund und freie Flugsicht. In Luftraum G bedeutet das für Deutschland, dass keine Wolken berührt werden dürfen, die Flugsicht mindestens 1,5 km (für Drehflügler 800 m)  betragen muss und freie Erdsicht gegeben ist. Zudem gilt für den Sichtflug, das Sie andere Teilnehmer des Luftverkehrs und diese Ihr Modellfluggerät erkennen können müssen. Außerdem müssen Sie sicherstellen, dass Sie die Ausweichregeln für den Sichtflug umsetzen können, wenn sich Ihre Route mit denen anderer Luftverkehrsteilnehmer schneidet. In den meisten Fällen werden Sie alle diese Regeln zusammen nicht einhalten können.

Vereinfacht wird das Ganze dadurch, dass es für den VFR-Flug sogenannte Mindest- und Sicherheitsmindesthöhen gibt. Die Sicherheitsmindesthöhe liegt im Normalfall bei 150 m, bei besiedeltem Gebiet bei 300 m über dem höchsten Hinderniss im Umkreis von 1000 Fuss (304,8 m). Die Mindesthöhe liegt bei 600 m. Sie müssen generell damit rechnen, oberhalb der Sicherheitsmindesthöhen auf andere Flugverkehrsteilnehmer zu treffen.

Aber selbst die Sicherheitsmindestflughöhe darf bei Bedarf von Segelflugzeugen und einigen anderen Fluggeräten unterschritten werden. In bestimmten Gebieten können auch militärische Flüge bis maximal 75 m Untergrenze durchgeführt werden. Wenn Sie als Obergrenze die Sicherheitsmindesthöhen für Ihre Flüge einhalten, werden dadurch aber die meisten Gefahrensituationen ausgeschlossen. In diesem Bereich können Sie verhältnismäßig gefahrlos fliegen, müssen aber trotzdem die Umgebung gut im Blick haben und sicherstellen, dass es dort keine militärischen Tiefflüge geben kann.

Abweichende Regeln kann es für Modellflugplätze geben. Diese beantragen in der Regel eine allgemeine Aufstiegsgenehmigung, die oft auch eine Höhenbegrenzung enthält. Diese Höhenbegrenzung ist dann als maximale Höhe bindend, unabhängig von den hier genannten Regeln.

Das war aber nun wirklich alles? Leider nein. Lesen Sie mehr zu diesem Thema und den gesetzlichen Regelungen im Buch.

In eigener Sache: Ich bin kein Jurist und ich betreibe hier keine Rechtsberatung. Die Erklärungen hier sind von mir gründlich recherchiert worden und entsprechen meinem Verständnis der Gesetze und Verordnungen. In einzelnen Fällen kann es daher passieren, dass Aussagen falsch sind oder auf falschen Interpretationen beruhen. Für Sie bindend sind allein die Gesetzestexte, Verordnungen und Bekanntmachungen in der jeweils gültigen Fassung. Im Buch werden diese Aussagen oft mit Bezug auf entsprechende Paragrafen belegt. 

 

Letzte Änderung: 08.03.2015 16:31

1 Gedanke zu “Multicopter – Wo darf ich fliegen?

  1. Super Erklärung, vielen Dank! Hab seit heute die Karte für Hannover, da könnte ich das gut nachvollziehen!
    Zwei Fragen hätte ich, da ich südöstlich von Hannover im Bereich E (FL 100/1000 AGL) mit meinem Quadrocopter fliegen möchte: hab ich mit der TMZ etwas zu tun? Und was bedeutet westlich von Hannover C D FL100 FL60 4500? Verstehe ich es richtig, dass mich das nicht betrifft, da die Grenze bei 4500 Fuß anfängt? Mein Fazit wär, außerhalb der roten Zone + Abstand kleiner Flughäfen bei 100-150 Metern wär i.d.R. alles gut (vorausgesetzt, TMZ ist für Quadrocopter ohne Bedeutung).
    Viele Grüße
    Matthias

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